V o r w o r t

Der Mensch ist das große Thema der hier vorliegenden Seiten. Nun lässt sich der Mensch auf zweierlei Arten betrachten: Seine reine Natur, ganz unabhängig von der Welt, in der er lebt. Darum wird es auf den nächsten Seiten gehen. Dieses Vorwort hingegen gibt einen kleinen Überblick über das Menschsein in der heutigen Zeit - also in Abhängigkeit von Medien und Marktgesetzen, Schulsystemen, Arbeitsdruck und Politik. Es stößt ein paar kritische Gedanken an und wird Ihnen erfrischend ins Gesicht peitschen wie Regen im November. Aber so ist er nun mal, der Blick hinter die bunten Fassaden einer überhasteten Generation: Garstig! Aber gut zu wissen.


Der Sinn des Lebens

Der eine sieht den Sinn im Geld, der andere sieht den Sinn in der Macht - so verschieden kann es sein. Zugegeben, mit Geld lebt es sich leicht, in Armut ist das Leben durchaus ungesünder. Doch sollte man es kaum erwähnen müssen, dass Glück und Unglück eines Menschen nicht an der Finanzkraft hängen. Da kann man ganz schematisch tiefer graben, Schicht für Schicht: Die Schnönheit? Nein. Das neue iPad? Himmel, nein! Gesundheit? Ein bisschen. Gefühle? Wir kommen schon näher. Selbstachtung? Und so weiter, und so fort... Der Knackpunkt ist dabei nicht rational, sondern dass sich ein erfülltes Leben auf Dauer "richtig" anfühlt. Lassen Sie sich von Ihren Instinkten durchs Dickgicht der Glücksanbieter leiten, doch greifen Sie überlegt und nicht reflexhaft zu. Ihr Bauchgefühl ist der Kompass, ihre Ratio ist eine Landkarte, die Geduld ist elementar. Geht die Suche also etwas länger, so grämen Sie sich nicht: Umwege erhöhen die Ortskenntnis.

Unbelebte Dinge bereicherern uns, schränken uns ein und haben allerlei sonstige Nebenwirkungen. Doch der Sinn des Lebens, so sehr es klingt wie ein Kalenderspruch, liegt im Leben selbst. Ganz schön schwammig... was heißt das denn nun? Zu leben bedeutet, sich dem Leben zuzuwenden, also das Ausschöpfen, Empfinden und Genießen der Fähigkeiten von Körper und Geist - ganz für sich selbst und in Verbindung mit der Welt. Was ist die Nahrungsaufnahme ohne den Genuss? Was ist der Sex ohne die Zärtlichkeit? Sie sind roboterhafte Tätigkeiten, die nicht über ihre Funktion hinaus gehen. Man selbst bleibt ein wenig motiviertes Rädchen im Getriebe der Evolution, austauschbar weil funktional. Der Sinn liegt im Geschmack des Essens, in der Lust am Partner - letztlich also im mentalen Mehrwert des eigenen Tuns. Erleben Sie das Leben in dem Moment, in dem es passiert. Meinetwegen planen Sie, aber seien Sie da nicht zu streng. Es mag schwierig werden, es mag hier und da verwirren - doch lebenswert ist nicht die Theorie dazu, sondern nur das Erleben in all seiner Pracht.

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Der Unsinn der Welt

Wir sind reich, wir leben lange, wir sind frei und gut gebildet. Wir müssen nur der Werbung folgen, um zu wissen, wo das Glück zu finden ist - es wird uns vorgekaut und mundgerecht serviert. Hier eine Dosis Glück, da eine Dosis Zufriedenheit, grobschlächtig zusammengesetzt aus Follower, Karriereleiter, Kontostand und Treuepunkten. Die Triebkraft unserer Gesellschaft ist die Jagd nach genau diesen Dingen - und zwar nicht bis zur Befriedigung, sondern unendlich und unbefriedigt soll es immer weiter gehen. "Kauf dich glücklich," ist die Devise, hinter deren bunter Maske eine graue Fratze ihren Hals nicht voll bekommt. Doch wozu wie Ikarus zur grellen Sonne fliegen? Macht ein Ziel denn Sinn, wenn es sowieso nicht zu erreichen ist? Ist die Beschreibung glücklich machend wirklich die richtige für etwas, dessen montägliches "muss ich haben" am Donnerstag schon längst vergessen ist? Der Sozialarbeiter würde hier von einer Droge reden: Auf jeden Schuss folgt die Suche nach dem nächsten.

"Die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder," hat einst Pierre Vergniaud
1753-1793
Ein Anführer der Girondisten in der Französischen Revolution.
sehr weise daher gesagt. Saturn ist heute irrelevant, denn an die griechischen Götter glaubt niemand mehr. Die Rolle des kinderfressenden Monstrums hat die Gier übernommen, die ewige Jagd nach dem teuersten Auto und dem billigsten Rinderhack. Die Folgen sind innere Leere im äußeren Luxus, depressiv und ausgebrannt im Paradies der Dinge. Der Denkfehler ist längst erforscht: Reife und Glück folgen einem stetigen Wachstum, sie brauchen Muße, Zeit und wollen ab und an gegossen werden. Das versprochene Glück unserer Welt aber ist schnelllebig, es ist teuer, hält ein paar Tage an, dann staubt es vor sich hin. Und der Aufwand, den wir für diese kleinen Dosen hormoneller Kicks betreiben, steht in keinerlei Verhältnis zu dem Schaden, den die Produktionswege im Schlepptau ziehen. Bei all den Träumen und imaginären Einhörnern, die im Mahlstrom von Hektik, Panik und Verwaltung zerrieben werden, bleibt als Résumé zu sagen: Die Welt, die wir geschaffen haben, ist eine herzensblinde Einhornschlachtmaschine.

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rational / irrational

Das Lebensglück ist glitschig und mit dem Zangengriff der Ratio nicht festzuhalten. Wir zählen Geld, wir verschieben Aktienpakete, wir sind schon so weit degeneriert, dass wir den menschlichen Geist mit Computern verglichen und dabei vom Programmieren faseln. Mit dem Erwachsenwerden wird die Ratio immer dominanter, Struktur, Pflicht, Ernst und Hektik ersetzen Intuition, Neugier und Unbedarftheit - ab einem gewissen Punkt über die Maßen des Nützlichen weit hinaus. Nichts gegen die Ratio, verstehen Sie mich da nicht falsch. Die Ratio ist ein wunderbares Werkzeug, wir können dankbar sein, dass die Evolution sie uns in den Kopf gelegt hat. So wie wir auch für das Träumen dankbar sein sollten. Für das Erinnern. Für die Lust an jeder Sache. Verschiedene Werkzeuge dienen verschiedenen Zwecken - alles auf seine Art und zu seiner Zeit.

Nun ist der Mensch in erster Line nicht zum Denken gemacht, sondern zum Erleben. Essen, Trinken, Sport, Familienglück - all diese Dinge machen in der Theorie nur trist und traurig. Man muss sie tun und erleben, hautnah und echt, um das zu sein, was man wirklich möchte. Entspannt, befriedigt, sicher und stark - was gibt es Schöneres in dieser Welt? Vielleicht fällt Ihnen etwas ein, vielleicht verzichten Sie auf das Familienglück und haben sich der Meditation und Askese verschworen. Was aber gibt Ihnen das in seinen wahren, guten Momenten? Eine Erklärung oder ein Gefühl? Und was davon ist die bessere Erinnerung? Am Ende der Gedankenkette landen wir zuverlässig immer wieder beim Gefühl, beim Wahrnehmen des Selbst und der Welt. Und das ist - im Gegensatz zu Berechnung, Planung und Erklärung - ein äußerst irrationaler Aspekt.

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Von Mensch zu Mensch

Unsere Welt ist zu voll, das ist ein echtes Problem. So tendiert gerade die öffentliche und berufliche Kommunikation dahin, dass z.B. eine Firma oder eine Regierung zum Volk oder zu den Angestellten spricht. Wollen wir dabei wirklich übersehen, dass eine Firma oder ein Staat gar nicht sprechen kann? Es sind die Münder ihrer Vertreter, jeder einzelne Mund und jedes einzelne Ohr unterliegt dabei weiterhin seinen individuellen Eigenheiten: Charakter, Stimmung und so weiter. Egal ob wir eine Pizza bestellen oder vor Gericht einen Paragraphen zitieren, ein Mensch spricht letztlich immer mit einem Menschen. Wenn wir das aber heraus waschen, die Kommunikation und Interaktion immer weiter automatisieren... was bleibt dann übrig?

Ob lachend oder weinend, ob liebend oder streitend, ob in Blicken oder Worten - es sind die Momente der Nähe, des Vertrautseins, die wir zum Überleben brauchen. Zum Überleben? Ja sicher, der Mensch ist körperlich und emotional darauf angelegt. Wir wollen nicht nur Teil einer größeren Gemeinschaft sein, unsere Erbanlage zwingt uns regelrecht dazu. Wir sind Teil einer Szene, eines Vereins, einer Abteilung, eines Freundeskreises... wir bauen uns die Sippe, die sich als natürliche Gemeinschaft neben der Familie auch ohne die Not der Steppe noch immer richtig anfühlt. Wie wichtig diese Mechanismen sind, das sehen wir von der Fussball-Fankurve bis hin zum politischen Fraktionszwang in allen Teilen der Gesellschaft. Eines der alltäglichsten Beispiele sind die Raucher, die gemeinsam vor die Türe gehen. Und nicht zu vergessen: Ohne die Nähe zwischen den Menschen gäbe es keine Fortpflanzung - unsere Art würde schlicht aussterben.

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Das verlorene Paradies

Das verlorene Paradies einer jeden großen Religion ist das genaue Gegenteil einer modernen Stadt. Ein wilder Garten, ein natürliches Habitat. Indem wir aber damit begonnen haben, die äußere Natur aus unserer Welt zu verbannen, haben wir ebenso damit begonnen, unsere ganz eigene Natur - die Natur des Menschen - sträflich zu vernachlässigen. Wir haben uns selbst aus dem Paradies geworfen, da braucht es weder die fiese Schlange noch den zürnenden Gott. Zurück zu gehen zum verwilderten Ursprung der Menschheit wäre natürlich stark übertrieben. Doch welchen Wert hat das dritte Handy im Jahr und der zehnte Supermarkt im Kiez, wenn wir dafür unsere Lebenszeit verkaufen und den Planeten zerstören? Wir glauben noch immer, dass wir der Natur entwachsen müssen, doch das gesunde Maß zwischen der natürlichen Wildnis und der zivilisatorischen Sicherheit ist uns dabei schon lange verloren gegangen.

Wie weit wir die Natur auch immer zerstören mögen, in uns selbst lebt sie weiter, so lange wir Kinder in die Welt setzen. Und je weniger diese Kinder zu kompensieren haben, je stärker und stabiler ihre psychische Gesundheit ist, desto achtsamer werden sie mit sich selbst und der Welt umgehen. Die Basis einer gesunden Psyche ist aber das Wissen über die eigene Natur - es ist also die Bildung gefragt. Nun könnte man argumentieren, dass die Kinder viele Jahre zur Schule gehen und damit sei alles getan. Doch Mathematik, Physik, Geschichte - so wichtig sie sein mögen - enthalten nicht das Wissen über den Umgang mit sich selbst. Ein Abiturient weiß mehr über die Teilung deutscher Kleinstaaten im 17. Jahrhundert als über die Funktionsweisen der zwischenmenschlichen Loyalität. Und das muss sich ändern, will der Mensch auf lange Sicht auf der Erde glücklich und zufrieden sein. Oder, etwas überspitzt gesagt: "Mensch, erkenne deine Natur - oder sterbe aus!"

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