K ö r p e r

Die Biologie des Menschen ist so komplex, dass wir hier nur an der Oberfläche kratzen können. Trotzdem möchte ich versuchen, einen für unsere Zwecke nützlichen Überblick zu geben. Einteilen können wir die Biologie des Menschen in viele verschiedene Bereiche: Skelett, Muskeln, Nervensystem, Drüsen, Organe, Kreislauf, Zellen und so weiter. Es wäre langweilig und übertrieben, auf jeden dieser Aspekte einzugehen. Picken wir uns also jene Bereiche heraus, die für uns von Relevanz sind, und übergehen dabei wissentlich die Stringenz einer wissenschaftlichen Abhandlung.


Der Bewegungsapparat

Der gesamte Körper befindet sich in ständiger Bewegung, selbst in absoluter Ruhe pumpt die Lunge, schlägt das Herz und strömt das Blut. Diese Bewegungen reichen in jeden Winkel des Körpers hinein, selbst die abgestorbenen Zellen sind einer Zerfallsbewegung unterworfen. Der eigentliche Bewegungsapparat ist jedoch enger gefasst und beschränkt sich auf das Skelett, die Muskeln, Sehnen, Bänder und Gelenke. Wie der Name schon sagt, ist der Bewegungsapparat für unsere Körperbewegungen zuständig. Gemeint sind damit jene Bewegungen, die nicht dem permanenten Automatismus unserer Lebenserhaltungssysteme unterworfen sind: Etwas vereinfacht können wir hier von den sportlichen und gymnastischen Fähigkeiten des Körpers sprechen. Nebenbei sei erwähnt, dass dieser Apparat auch die Form unseres Körpers erhält - nehmen wir Muskeln und Skelett aus dem Leib heraus, so bleibt vom Menschen nur ein schwabbeliger Sack voller Organe übrig. Pflegen Sie also Ihren Bewegungsapparat, gehen Sie regelmäßig spazieren, machen Sie Yoga, treiben Sie Sport - die Gesundheit wird es Ihnen danken.

Das Periphäre Nervensystem besteht aus Fasern, die telefonnetzartig über den gesamten Körper verteilt und eng mit dem Bewegungsapparat verflochten sind, und verbindet Gehirn und Rückenmark mit allem anderen - der Peripherie. Möchten Sie einen Finger bewegen, so nimmt das Signal aus Ihrem Gehirn den Weg über die Nervenbahnen bis zum Fingermuskel. An dieser Stelle sei noch einmal an das Zitat des Fußball-Philosophen Dettmar Cramer (✝) erinnert, der hier die Vernetzung aller Teile unseres Körpers in wunderschöne Worte packt: "Sie können sich am Hintern ein Haar ausreißen, dann tränt das Auge." Ein Großteil unseres Bewegungsapparats arbeitet übrigens nicht nur für die Bewegung, sondern auch gegen die Schwerkraft. Dieser Aufwand geschieht meist unbewusst - man denke dabei nur an den Unterkiefer: Lassen Sie die Kiefermuskulatur locker, so stehen Sie mit offenem Mund da. Weil sich das in einer höheren Kultur nicht gehört, halten Sie Ihren Mund die meiste Zeit geschlossen. Gegen die Schwerkraft und ohne bewusst darüber nachzudenken. Neben der Steuerung gewollter Bewegungen dient der Bewegungsapparat also auch der Unterdrückung unerwünschter Bewegungen.

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Das Nervensystem

Das Nervensystem kann auf verschiedene Art und Weise unterteilt betrachtet werden. Die erste Unterscheidung ist die zwischen dem Zentralnervensystem (ZNS), bestehend aus Gehirn und Rückenmark, sowie dem Peripheren Nervensystem (PNS), das quasi alle darüber hinaus gehenden Anhängsel umfasst und das Zentralnervensystem mit der Peripherie des Körpers verbindet. Für uns besonders interessant ist hingegen die Unterteilung in folgende zwei Schubladen:

vegetatives Nervensystem
Das vegetative Nervensystem beinhaltet die autonomen oder automatischen "Steuerungsfelder" unseres Nervensystems, auf die wir durch den bewussten Willen keinen direkten Einfluss nehmen können. Die Steuerung der Nierenfunktion kann hier als anschauliches Beispiel dienen. Sowohl der direkte Einfluss, als auch - mit gewissen Abstrichen - die bewusste Wahrnehmung sind hier nicht möglich.

somatisches Nervensystem
Beim somatischen Nervensystem handelt es sich um jene "Steuerungsfelder", die wir mit unserem Willen direkt beeinflussen können. Nehmen wir Ihre Hand, die nach einem Stift greifen soll: Durch die Übertragung Ihres Willens auf Ihre Handmuskulatur - der Weg vom Wille zur Bewegung führt über das Nervensystem - können Sie Ihre Hand so bewegen, wie es Ihnen recht und billig ist. Dass hierbei auch die bewusste Wahrnehmung eine entscheidende Rolle spielt, sollte offensichtlich sein.

Eine weitere Einteilung des Nervensystems ist die des sympathischen und des parasympathischen Nervensystems (Sympathikus, Parasympathikus). Dies hat nichts mit der Nettigkeit der beteiligten Fasern zu tun, die uns besonders sympathisch wären. Der Sympathikus steuert vorwiegend die Belastungsfunktionen, die bei Stress und erhöhter Leistung von Bedeutung sind. Der Parasympathikus hingegen ist an der Steuerung der meisten inneren Organe und des Blutkreislaufs beteiligt. Er dient der Erhohlung und wird daher auch salopp als "Ruhenerv" bezeichnet. Sympathisches und Parasympathisches Nervensystem sind wiederum Teile des vegetativen Nervensystems. Um es nicht zu kompliziert zu machen, möchte ich nun auf einen letzten Aspekt hinweisen: Manche Teile des Nervensystems verbinden uns mit der Außenwelt und steuern unseren Umgang mit ihr. Der Kniereflex ist ein anschaulisches Beispiel, der ja augenscheinlich auf einen äußeren Einfluss - den Hammer des Arztes - reagiert. Andere Aspekte dienen der Selbstregulation des Organismus. Wenn Ihnen z.B. beim Gedanke an ein gut geklopftes Schnitzel das Wasser im Mund zusammen läuft, dann teilt Ihnen Ihr Körper mithilfe von Appetit und Hunger einen inneren Mangel an Nährstoffen mit. Um diesen Mangel zu beheben, gilt es allerdings, sich wieder nach außen zu wenden - Ihr Nervensystem kann tatsächlich Ihre Gedanken lesen (innerer Prozess), der Kellner im Schnitzelrestaurant kann das nicht (äußerer Prozess).

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Psychosomatik

Die psychosomatischen Wechselwirkungen zwischen dem, was wir sehr grobschlächtig als Körper und Geist unterscheiden, sind ein weiteres Kernelement unseres Seins. Diese Wechselwirkung zwischen körperlichen und mentalen Prozessen ist übrigens keine Fähigkeit, sie ist ein grundlegendes Element des Seins. So wie ausnahmslos jede Masse ein Gewicht hat, so hat auch jedes mental befähigte Lebewesen die Psychosomatik. Die Atmung ist hier ein anschauliches Beispiel: Steigt der Stress, so wird die Atmung automatisch flach und hektisch - der Geist wirkt auf den Körper. Zwingen wir aber die Atmung ganz bewusst in einen ruhigeren und tieferen Rhythmus, so werden auch die aufgepeitschten Emotionen beruhigt. Die Sexualität und das Placebo sind weitere anschauliche Beispiele für die enge, unauflösbare Verbindung von Körper und Geist.

Letztlich liegt auch der Geist im Körper, nämlich im Zentralnervensystem, also dem Gehirn und seinen Anhängseln. Wie und wo diese diffuse Seele liegt, sei einmal dahin gestellt. Was nun die Psychosomatik angeht, so ist die Einflussnahme in beide Richtungen möglich. Unser Körper beeinflusst das mentale Geschehen, genauso kann das mentale Geschehen den Körper beeinflussen. Ein bekanntes Stichwort ist das mentale Training im Profisport, das u.a. auf die ideomotorischen Effekte beruht. Die Hypnose und das Autogene Training sind besonders wirksame Mittel, auf mentalem Wege den Körper zu beeinflussen - und den Geist ja sowieso.

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Autogenes Training

Das Autogene Training - von Johannes Heinrich Schultz
Berliner Psychologe
1884-1970
aus der medizinischen Hypnose entwickelt - stellt eine spezielle körperbezogene Variation der Selbsthypnose dar. Das Autogene Training funktioniert über die Wahrnehmung und das Einfühlen in den eigenen Körper. Nachdem ein grundlegendes Ruheempfinden aktiviert wurde - hier dürfen auch Musik oder Bildvorstellungen helfen - werden nacheinander die Körperschwere, die Körperwärme, der Atem, der Solar Plexus, der Kreislauf - oder direkter: der Herzmuskel - und als Ausgleich gegen Kopfhautverspannung eine Stirnkühle aktiviert. All diese Aktivierungen funktionieren über die Richtung vom Geist zum Körper: Die mentale Vorstellung legt sich wie ein Abdruck auf das körperliche Geschehen. Das Ziel des Autogenen Trainings ist ein akuter Ruhezustand, so wie auf Dauer eine grundlegende Beruhigung des Gemüts. Mit einiger Übung ist der Trainierende dazu in der Lage, die aufgezählten Aspekte von Ruhe, Schwere usw. wie auf Knopfdruck zu aktivieren.

Die Hypnose hingegen kann auch den Weg über die reine Bildvorstellung gehen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass die Grundstruktur des Autogenen Trainings und das gelegentliche tiefe Eintauchen in rein körperliche Wahrnehmungen in der Hypnoseanwendung ebenfalls sehr nützlich ist. Autogenes Training und Hypnose sind zwei wirkungsvolle, zielgenaue Methoden, sehr direkt auf mental-unbewusste und körperlich-unbewusste Prozesse zuzugreifen, Störungen und Möglichkeiten zu erkennen und diese kurz- wie langfristig willentlich zu beeinflussen. Das Autogene Training, dessen erwünschter Bewusstseinszustand durch ein gezieltes Umschalten körpereigener Prozesse erreicht wird, ist im Gegensatz zur Hypnose ganz klar physischen Charakters. Das Ziel des Trainings ist dabei die mühelose und unabhängige Selbstanwendung. Erfahrungen in Sachen Meditation, Konzentration und ein ausgeprägter Wille zur persönlichen Entwicklung sind dabei ganz klar von Vorteil.

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Akzeptanz und Lust

Kein Körper ist so perfekt, wie wir sie von Magazinen und Plakaten kennen. Jeder Körper wird älter, faltiger und verliert mit der Zeit so viel von seiner Kraft und Jugendlichkeit, dass sein Leben letztlich mit dem Tode endet. Der Körper steht im Rampenlicht, viel mehr als seine Funktionen wird aber das Aussehen hoch gehalten. Hauptsache definiert, Hauptsache der wohlgeformte Body macht sich gut auf Selfies und am Urlaubsstrand. Wenn Sie mal einen Blick in die Welt des Sports werfen, dann werden Sie schnell sehen, wie unperfekt so mancher Körper aussieht - und trotzdem Meisterschaften und Medaillen gewinnt. Ein gesunder, leistungsfähiger Körper muss eben kein definierter Körper sein, wenngleich es natürlich ein paar Überschneidungen gibt. Der Druck auf den Schultern der weniger reich Beschenkten lastet so schwer, dass es nicht wenige Menschen gibt, die sich ihrem Körper nicht wirklich zugehörig fühlen - das Angebot zum Umtausch würde vielfach angenommen werden. Auf der anderen Seite heben manche Menschen Ihren tollen Body so sehr in den Himmel, dass Geist und Charakter unbeachtet vor sich hin verkümmern.

Das Aussehen und die Gesundheit sind in aller Munde. Die Lust am eigenen Körpergefühl hingegen ist ein Thema, über das kaum jemand spricht. Noch heute steckt in den Köpfen der Leute dieses christliche Modell von der Vase, in die Gott den Geist geschüttet hat. Doch lagen die Christen damit falsch: Der Mensch hat keinen Körper, er ist ein Körper. Selbst das Denken, die Gefühle, der Geist und das Lebensglück sind letztlich physische Aspekte des körpereigenen Drüsen-, Sekret-, Hormon- und Nervensystems. Akzeptieren Sie Ihren Körper, so akzeptieren Sie sich selbst. Perfekt werden Sie nur auf gefälschten Bildern sein, niemals aber in der Realität. Diese gemeine Realität ist es aber, der Sie in jeder Sekunde Ihres Seins ausgeliefert sind. Machen Sie also das Beste daraus: Stressen Sie sich nicht, denn Stress ist sehr, sehr ungesund. Bewegen Sie sich vielfältig und intensiv, gehen Sie auch mal bei Regen spazieren, tauchen Sie in die Fluten des nächsten Baggersees, berühren Sie sich selbst und Ihre Liebsten. So verschieben Sie - ganz behutsam - die Grenzen dessen, was Ihr Körper heute leisten und empfinden kann. Lernen Sie Ihren Körper besser kennen, so lernen Sie sich selbst besser kennen. Und Sie fördern ganz nebenbei die geistige und körperliche Fitness im Alter.

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