G e i s t

Der menschliche Geist ist eine höchst schwammige Angelegenheit. Was ist mit diesem "Geist" gemeint? Die Seele? Das Mentale? Das Denkvermögen? Oder der Branntwein aus dem Kloster? Das Wort "Geist" ist in seiner Bedeutung so verwildert, dass wir um eine eigene Definition nicht herum kommen. Die nun vorliegende Definition ergibt sich aus der Unterscheidung von Körper und Geist: Alles, was kein körperlicher Aspekt des Menschseins ist, kann dem Geist zugeorndet werden. Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Wünsche, Pläne, Vorstellungen, Wahrnehmung, Logik und so weiter. Nun liegt der Ursprung allen Seins im Körper, selbst Gefühle werden z.B. durch Hormondrüsen gesteuert. Und doch müssen wir nicht darüber streiten, dass sich die genannten Aspekte ganz subjektiv dem körperlichen Erleben entziehen. Der Geist ist - einfach gesagt - das mentale Abbild des Seins.


Bewusstsein

Der Volksmund kennt das Bewusstsein und das Unterbewusstsein. Wer genauer hinsieht findet eine Dreiteilung, die natürlich ebenfalls etwas schubladenhaft daherkommt, jedoch etwas mehr Sinn macht als der Volksmund. Diese Dreiteilung orientiert sich daran, wie einfach das Bewusstsein Zugriff auf den jeweiligen Inhalt hat. Der Zustand "bewusst" ist also der Referenzpunkt für die Zustände "vorbewusst" und "unbewusst". Hier nun im Detail beschrieben:

bewusst
Hierzu ist im Grunde keine weitere Erklärung nötig. Als bewusst werden all jene Wahrnehmungen, Ideen, Gedanken, Erinnerungen... bezeichnet, die gerade jetzt bewusst erkannt werden. Denken Sie bitte an ein süßes Eichhörnchen - und schon ist dieses süßes Eichhörnchen in Ihrem Bewusstsein. Es ist Ihnen bewusst.

vorbewusst
Bis vor wenigen Sekunden war das arme süße Eichhörnchen noch vorbewusst. Bevor ich es erwähnte, war es für Sie quasi nicht existend. Erst als Sie "süßes Eichhörnchen" gelesen haben, hat es damit begonnen, durch Ihre inneren Landschaften zu springen. Vorher war es "vorbewusst" - es wartete zwar unterhalb der Bewusstseinsgrenze, war jedoch sehr einfach hervor zu holen.

unbewusst
Das Unbewusste hingegen ist gut versteckt. Erinnern Sie sich doch bitte an das Geschenkpapier des ersten Geschenks, das Sie an Ihrem siebten Geburtstag ausgepackt haben. Sehen Sie: Ich spreche es zwar an, trotzdem bleibt die Antwort verborgen - im Gegensatz zum süßen Eichhörnchen. Dass jenes unbewusste Geschenkpapier trotzdem irgendwo in Ihnen abgespeichert ist, würde sich gut mit einem Blick auf die Fotos der Geburtstagsfeier belegen lassen. Sie sehen das Bild und es macht "klick". Haben Sie keine Fotos mehr, dann kann eine sogenannte Regressions-Hypnose hilfreich sein.

Der interessanteste Part ist also ganz klar das Unbewusste. Wie kommt man ans Verborgene, wenn es sich doch dem Zwang und allen rationalen Mechanismen entzieht? Ich habe die Hypnose nicht umsonst erwähnt, denn sie ist die Königsdisziplin, wenn es um den Zugang zum Unbewussten geht. Und dabei ist es egal, ob es sich bei jenem Unbewussten um eine Erinnerung handelt oder um die Wahnehmung der Nierenfunktion: Die Hypnose ist jener natürliche Bewusstseinszustand, in dem der wache Geist wie ein U-Boot in das Unbewusste taucht. In der Metapher steckt noch eine weitere Wahrheit, nämlich die Größe des jeweiligen Bewusstseins-Areals. Ist das bewusste Areal eine Nussschale auf einem Ozean, so ist das Vorbewusste der Bereich, in dem die Fische mit der Hand zu greifen sind - also vielleicht der erste halbe Meter unter der Oberfläche. Auf einen ganzen Ozean bezogen ist das schon sehr viel, doch das Unbewusste ist der große Rest des Ozeans. Bis hinunter in die tiefsten Gräben reicht es auf einen Grund des Vergessenen und niemals Wahrgenommenen. Trauen Sie sich hinab, so werden Seemonster und Meerjungfrauen, Sand und Schätze auf Sie warten.

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Fokussierung / Konzentration

Wenn z.B. mehrere Bildschirme gleichzeitig betrachtet werden, mit Bier und Bratwurst in der Hand, dann ist die Wahrnehmung weit gestreut und relativ flach im Detail. Wir wollen uns nun der genauen Gegenrichtung widmen: Die Fokussierung wird eingeengt und vertieft, alle überflüssigen Informationen werden ausgeblendet. Das Gehirn arbeitet nun unter Höchstleistung. Dies ist ein sehr energieintensiver Zustand, der als rein mentaler Prozess möglich ist (z.B. komplexe Rechnung), aber auch deutlich messbar auf den Körper abstrahlen kann (z.B. Sprint).

Fokussierung
Wie eben beschrieben, wird der Wahrnehmungs-Fokus verengt und der Wahrnehmungs-Inhalt qualitativ besser erfasst. Das Fokussieren kann bewusst oder unbewusst geschehen, es kann absichtsvoll gelenkt werden oder durch äußere Einflüsse von selbst geschehen (z.B. das Läuten einer Glocke). Hierbei können interessante und amüsante Nebeneffekte auftreten, wie z.B. eine Justierung des Auges, Änderungen in der Körperspannung oder unbewusste Laute.

Konzentration
Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit bewusst und willentlich auf eine Sache (z.B. beim Betrachten eines interessanten Details), so spricht man vom Zustand der Konzentration. Die Konzentration passiert also nicht einfach so. Konzentrieren Sie sich auf etwas, dann haben Sie sich bewusst dafür entschieden. Man könnte etwas großspurig behaupten, die Konzentration sei die "edle", weil dem Menschen eigene Form der Fokussierung.

Interessant wird die Wirkung der Konzentration, wenn das Objekt Ihrer Aufmerksamkeit keine Reaktion erwartet. Sitzen Sie in einer bequemen Haltung und fokussieren Sie z.B. eine Kerzenflamme, so fallen Sie Schritt für Schritt in einen meditativen Ruhezustand. Der Körper entspannt und wird daher als "schwer" empfunden. Die Pulsfrequenz sinkt, aber auch die Hirnwellen werden dabei immer langsamer. Ihre mentalen und körperlichen Prozesse sind in Wechselwirkung darauf ausgelegt, in einer solchen Ruhesituation bei gleichzeitig "leerer" Fokussierung effektiv zu entspannen. Mentales Training, Autogenes Training, Hypnose und Meditation machen sich diesen Umstand zunutze. Interessant dabei: Auch bei hoher Aktivität, z.B. einem Dribbling an der persönlichen Leistunsgrenze, gehen Fokussierung und Konzentration mit einer deutlich erlebbaren mentalen "Basis-Ruhe" einher.

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Hypnose

Jeder, der sich ein klein wenig mit der Hypnose beschäftigt hat, kennt den Namen Milton H. Erickson
amerikanischer Psychiater
1901-1980
. Nachdem sich Freud als ein recht unfähiger Hypnotiseur offenbart hatte und sich somit - aufgrund geringem Erfolgs - anderen Bereichen widmete, war es Erickson, der die wissenschaftlich kompetente Anwendung der Hypnose auf ein professionelles Level brachte. Dieser Ruhm ist mehr als gerechtfertigt, hat der methodisch höchst flexible Erickson die medizinische Hypnose doch revolutioniert. Wie wichtig die Individualität des Menschen in seiner Arbeit war, zeigt folgendes Zitat: "Es gibt keine zwei Leute, die denselben Satz in der gleichen Weise verstehen." Doch ist auch der vielzitierte Erickson nicht der große Heilige der Hypnose. Wie jedes Fachgebiet konnte die medizinische Hypnose nur durch die Forschung vieler Geister voran getrieben werden.

Die Hypnose wird gerne als ein Werkzeug des Coaches und des Therapeuten missverstanden. Dabei sind die Werkzeuge nur jene Methoden, die den Geist in den Bewusstseinszustand der Hypnose führen. Einfach gesprochen - lassen wir die Bewusstlosigkeit außen vor - existieren drei natürliche Bewusstseinszustände: Traum, Wachsein und Hypnose. Der Traum bedeutet, dass der Geist ins Unbewusste eintaucht und das Unbewusste die Kontrolle übernimmt. Im Wachsein ist es umgekehrt, das Bewusstsein ist der Ort des Geschehens und gleichzeitig die Kontrollinstanz. Die Hypnose kombiniert die Vorteile von Traum und Wachsein: Sie findet im Unbewussten statt, das Bewusstsein ist jedoch nicht nur beteiligt, es hat auch die Leitung inne. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung, die von den fiesen Tricks der Showhypnose unterfüttert wird, ist der Hypnotisand im Zustand einer stabilen Hypnose keineswegs gegen den eigenen Willen beeinflussbar.

In einer Hypnose wird jede Suggestion des Hypnotiseurs angenommen, insofern sie auch dem Willen des Hypnotisanden entspricht. Somit ist das Vertrauen in die Kompetenz und den guten Willen des Hypnotiseurs von elementarer Bedeutung. Bei kompetenter Leitung ist die Hypnose, die den direkten Draht ins Unbewusste darstellt, ein mächtiges Werkzeug für die Selbsterkenntnis und die Selbstregulation. Der Weg in eine Hypnose führt über die Entspannung, es finden dabei sehr ähnliche Umschaltmomente statt, wie man sie auch vom Autogenen Training kennt. Unter Selbsthypnose versteht man das Erreichen dieses natürlichen Zustandes ohne äußere Hilfe - eine Fremdhypnose ist übrigens nichts anderes als eine von außen geleitete Selbsthypnose. Das Besondere an der Hypnose ist, dass das Unbewusste direkt ansprechbar ist und auch zu Aktion und Interaktion motiviert werden kann. Haben Sie Angst vor der Hypnose, so haben Sie letztlich nur Angst vor sich selbst.

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Träume

Früher waren Träume nur Schäume - dann kam Sigmund Freud
Begründer der Psychoanalyse
1856-1939
und plötzlich war jeder zweite Traum von sexualisiertem Wert. Freud war zudem der Meinung, der Traum sei der Hüter des Schlafs und finde nur in den weniger ausgeprägten Schlafphasen statt. Da die Forschung mit Freud nicht stehen geblieben ist, kann der Traum nun differenzierter betrachtet werden. Eine besonders spannende Theorie zum Traum stammt aus der langjährigen Forschung Michel Jouvet
franz. Neurologe und Traumforscher
1925-2017
s und besagt, dass der Traum das Spannungsfeld zwischen dem genetischen Programm eines Menschen und den täglichen äußeren Einflüssen entzerrt und rejustiert. Die äußeren Einflüsse unterteilen sich hierbei in Störungen und Lerneffekte - es wird also Schädliches aussortiert und Nützliches verinnerlicht. Es gibt viele weitere Theorien, denn bis heute ist der Traum nicht abschließend erforscht. Was bisher erwiesen ist:

im Unbewussten
Aus der Sicht der Bewusstseinsstruktur spielt sich jeder Traum im Unbewussten ab - übrigens auch der luzide Traum. Im Gegensatz zur Hypnose (s.u.) ist es jedoch der Traum selbst, der sich für ein Thema und dessen Visualisierung entscheidet. Er ist Teil des Unbewussten und spricht daher auch die Sprache des Unbewussten: Triebhaft, abstrakt, irrational.

Triebe vs. Moral
Wer hatte ihn noch nicht, den unmoralischen Traum? Man mordet, hat ungehemmten Sex mit den Kollegen, isst Menschenfleisch und vieles mehr. Sicher nicht in jedem Traum, aber es kommt vor. Der Traum zeigt uns sehr deutlich, dass die Moral eine Frage der Ratio ist und dass die Triebe nichts mit ihr zu tun haben wollen. Was schließen wir daraus? Ganz einfach: Der Mensch ist ein ambivalentes Wesen, das ein Leben lang zwischen Hemmungslosigkeit und Zwang jonglieren muss. Im Traum jedenfalls kann der Zwang relativ schadlos abgelegt werden.

Einflussnahme
Möchten Sie sich möglichst gut an Ihre Träume erinnern, so gilt es, ein paar Regeln einzuhalten: 1. Keine Drogen vor dem Schlafengehen. 2. Vor dem Einschlafen den Träumen der vorherigen Nacht nachspüren. 3. Ein Traumtagebuch führen. 4. Nach dem Aufwachen den letzten Traum bewusst halten. 5. Sich auch tagsüber bewusst mit dem Thema Traum beschäftigen. 6. Ruhe bewahren - Ihr Gehirn wird sich Schritt für Schritt auf ein regeres Traumgeschehen und eine bessere Erinnerung einstellen. Letztlich werden Ihnen Ihre Träume verständlich werden, ganz abseits der vorgekauten Traumsymbol-Schemata aus dem Internet.

Vorsicht: Traumdeutung!
"Während das Haus den Träumenden selbst symbolisiert, geht es bei einem Traum, in dem der Dachboden vorkommt, um weit zurückliegende Ereignisse und Gefühlswelten." So und so ähnlich liest man oft über Träume und Traumsymbole. Wie falsch das ist, kann nicht deutlich genug gesagt werden. Was glauben Sie, hat ein Dachdecker für Träume? Oder jemand, der im Dachgeschoss zur Miete wohnt? Oder ein anderer, der gerade einen Haunted-House-Horrorfilm gesehen hat? Eine solch verallgemeindernde Aussage über die Bedeutung von Traumsymbolen hat den gleichen Wert wie die Aussage: "Thunfischpizza ist die beste Pizza!" Anstatt sich also mit den Stereotypen alt-freudianischer Holzschnitzerei auseinander zu setzen, sollten Sie vor allem Ihren Instinkten folgen. Implizites Lernen (s.u.) ist hierbei das Zauberwort.

luzides Träumen
Als luzides Träumen oder Klarträumen bezeichnet man den Umstand, wenn sich der Träumer seines Traums bewusst ist und diesen auch direkt beeinflussen kann. Wenigen Menschen ist das luzide Träumen in den Schoß gelegt, fast jeder gesunde Mensch kann es jedoch erlernen. Gerade auf der Suche nach den Ursachen immer wiederkehrender Traumbilder ist das luzide Träumen sehr nützlich. Und ganz davon abgesehen: Auch der Spaß kommt nicht zu kurz.

Über das Träumen wurden schon ganze Bibliotheken gefüllt. Einen wirklich tiefen Einblick ins Thema kann ich hier also schlecht bieten - dazu ist der Platz auf dieser Seite einfach zu begrenzt. Aber eines noch, um die Brücke zurück zum Leben in der äußeren Welt zu schlagen: Warum wohl spricht man bei den wirklich bedeutsamen Lebenszielen auch von den Träumen eines Menschen? Kann es sein, dass sich die wirklich wichtigen Dinge im Leben genau da abspielen, wo es auch die nächtlichen Träume tun - im irrationalen Bereichen der Triebe und Gefühle, wo die Logik keinen Zutritt hat? Ja, so ist es tatsächlich. Denn die eigenen Lebensträume sind der edelste Sirup aus all den Gefühlen und emotionalen Spannungen, die tief im Unbewussten schlummern. Der eigene Wunschtraum ist ein Spiegel des Innenlebens - so wünscht sich der an tiefer Frustration erkrankte Geist den Krieg und die Zerstörung (gerechtfertigt durch eine austauschbare Ideologie), der glückliche und zufriedene Mensch aber wünscht sich blühende Landschaften. So sehr uns die industrielle Denkweise des modernen Menschen auch erzählen will, dass Lebensträume Schäume sind, halten Sie an ihnen fest. Die Märkte verkaufen Ihnen kurzfristige Befriedigung, die mit dem Wort "Glück" gänzlich falsch beschrieben sind. Ihre wahren Lebensträume aber sind der wichtigste Wegweiser, den Sie besitzen.

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Denken

Zwischen all diesen animalischen Trieben und Triggern, die den Menschen seit Urzeiten zu Konformität und Fortpflanzug drängeln, scheint das selbstständige Denken etwas unterzugehen. Deshalb sei an dieser Stelle dieses großartige Werkzeug gelobt, das den Menschen so einmalig macht. Das bewusste, zielgesteuerte Denken, unter dessen Deckmantel sich solch knochentrockene Dinge verbergen wie die Logik, die Vernunft, die Selbstkritik und die Planungssicherheit, ist eben jener feine Unterschied zwischen Mensch und Tier. Das wichtigste Wort in diesem Absatz ist übrigens das Wort "Werkzeug" - wahrscheinlich ist es Ihnen gar nicht weiter aufgefallen. Denn genau darum handelt es sich bei unserer Fähigkeit bewusst zu denken. Ein nützliches Werkzeug - nicht mehr aber auch nicht weniger.

Der rationale Blick von außen bleibt immer auch ein Blick von außen - die sogenannte objektive Betrachtung. Die Betrachtung unterscheidet sich von der Wahrnehmung sehr deutlich, denn die Wahrnehmung nimmt wahr und wertet nicht. Das "zerdenken" einer Sache schafft hingegen Distanz. Doch genau dieser Umstand macht das selbstständige Denken als Werkzeug so wirkungsvoll. Wir sind dadurch in der Lage, die subjektive Ebene zu verlassen und uns selbst und unserer Umwelt ein nahezu neutrales Zeugnis auszustellen. Wir können erkennen, planen, schlussfolgern und lehren, wenn wir das Denken sinnvoll einsetzen. Gut geführt ist es ein scharfes Schwert im Kampf gegen die eigene Verblödung und die Verblödung der Welt. Methoden zur sinnvollen Nutzung des Dekens sind z.B. der Advocatus Diaboli und die Unterscheidung zwischen Argument und Scheinargument. Doch Vorsicht! Dort, wo das Denken nur ein Schatten der eigenen Triebhaftigkeit ist, sprießen die Unbelehrbaren und Radikalen wie die Pilze aus den Logiklöchern.

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Lernen

Eine direkte Folge der Flexibilität unseres mentalen Apparats ist die Fähigkeit zu lernen. Obwohl wir als sogenannte "Ausgelernte" in die Arbeitswelt eingehen, ist dieser Begriff doch schlecht gewählt. Denn das permanente Weiterlernen ist für uns bis ins hohe Alter überlebenswichtig. Wer nach der Schule absolut nichts mehr lernt, wird sich nicht einmal die Namen seiner Kinder merken können - geschweige denn ihren Schulweg, ihr Lieblingsessen und welcher Tag heute ist. Lernen aber will gelernt sein. Und da die Fähigkeit zu lernen eine Fähigkeit wie jede andere ist - gleichwohl eine besonders wichtige - kann man diese Fähigkeit ein Leben lang trainieren. Logisches Denken, assoziatives Denken, Kreativität, Wahrnehmung, Entspannung... all unser Können ist der Plastizität unseres Gehirns unterworfen. Jenes gruselige Wort, die Neuroplastizität, bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als die lebenslange Fähigkeit unseres Gehirns zur Veränderung.

explizites Lernen
Hierbei handelt es sich um das bewusste Lernen über das konkrete Verstehen des Lerninhalts. Wenn Sie z.B. die Ableitungsfunktion der Differenzialrechnung lernen möchten, dann müssen Sie verstehen, was da auf mathematischer Ebene passiert. Ihre Instinkte werden Ihnen dabei kaum helfen, es sind Verstand und Ratio gefragt. Das explizite Lernen ist also in gewisser Weise ein theoretisches Lernen, dessen Lerninhalte Sie anschließend auch wiedergeben können.

implizites Lernen
Hierbei handelt es sich um das Instinktlernen, auch Learning-By-Doing ist fast immer implizit. Gehen wir davon aus, dass Sie schwimmen können, so hat Ihr Körper gelernt, sein Eigengewicht mit der Dichte des Wassers abzugleichen, die Eigengeschwindigkeit, den Wellengang, den Salzgehalt des Wassers (Tragfähigkeit) und noch einige Faktoren mehr exakt zu erkennen und für sich zu nutzen. Das Resultat: Sie können schwimmen. Sie werden aber kaum all diese physikalischen Faktoren aufzählen, geschweige denn auf dem Papier nachrechnen können. Sie haben das Schwimmen implizit gelernt.

Möchten Sie Ihr Gehirn trainieren, dann beginnen Sie mit Ihren Händen. Nichts ist tiefer mit Ihrem Gehirn vernetzt, als Ihre Hände, deren Nervenenden ein besonders reiches Geflecht an Ihre grauen Zellen legen. Sind Ihre Hände also grobmotorisch, so nähen Sie ein Taschentuch oder bauen Sie ein Schiff in der Flasche. Sind Ihre Hände zart und fein, so hacken Sie Holz und errichten Ihren Kindern ein Baumhaus. Sie werden vieles dabei lernen - und sie werden das Lernen lernen. Ganz nebenbei ist ein flexibles, gut trainiertes Hirn weitaus weniger anfällig für all diese Demenzen und Vergesslichkeiten, die wie ein Damoklesschwert über dem Herbst des Lebens schweben. Kein Lebewesen ist nur annähernd so lernfähig wie der Mensch. Pflegen Sie Ihre Neuroplastizität, Ihr Können und Ihre Fähigkeiten, lernen Sie Neues, erneuern Sie Vergessenes. Ihr Gehirn wird jung und flexibel bleiben, wenn Sie Ihr Leben flexibel gestalten. Und - das ist der Quell der geistigen Jugend - bleiben Sie neugierig.

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Vergessen

Zuletzt würde ich Sie bitten, all das, was Sie eben gelesen haben, wieder zu vergessen. Denn auch das Vergessen ist eine nützliche Fähigkeit, die einiger Übung bedarf. Vergessen Sie nicht alles, wie ich soeben gebeten habe, sondern vergessen Sie das Irrelevante. Vielleicht ist Ihnen eine satirische Spitze wichtiger gewesen als ein wissenschaftlicher Fakt. Vielleicht ist es umgekehrt. Wehren Sie sich nicht gegen das Vergessen, so wie sich Ihr Haus nicht gegen die Müllabfuhr wehrt. Vertrauen Sie Ihrem Gehirn, denn es weiß, was gut für Sie ist, und selektiert auf der Basis einer tief verwurzelten Natürlichkeit. Sicherlich kollidiert das gesunde Vergessen oft mit den Anforderungen des täglichen Lebens - Sie würden dies und das sehr gerne vergessen, doch dann wird Ihr Chef zum Berserker. Wo es Ihnen aber möglich ist, da vergessen Sie mit Herzenslust. Sie sind ja keine Datenbank, die alles bis in alle Zeiten schnell abrufbar und nach dem Alphabet sortiert aufbewahren muss.

Dem Vergessen liegt ein weiterer Aspekt anheim. Sie werden nichts vergessen, wovon Sie sich nicht lösen können. Vergessen ist also auch eine Form des Loslassens - Ihr Bewusstsein lässt den Gedanken los, gibt ihn frei, so dass er tief in den Ozean des Unbewussten sinken kann. Auf die Gefahr hin, dass dieser Gedanke niemals wieder an die Oberfläche kommt, wird das Loslassen zur echten Aufgabe. Es sind die wohl schwersten Übungen im Umgang mit sich selbst: Das Annehmen und das Loslassen. Eine erste konkrete Übung für Sie, für Ihr Vergessen, für das Loslassen der festgebolzten Erinnerung: Löschen Sie einen beliebigen Ordner Ihrer Urlaubsfotos, ohne vorher noch einmal hinein geschaut zu haben. Allein bei dem Gedanken wird Ihnen wahrscheinlich klar, wie schwer das mit dem Loslassen und Vergessen sein kann. Doch wie bei allem im Leben macht auch hier die Übung den Meister.

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