H o m o   s a p i e n s

Bei allem berechtigten Streben nach Individualität, sollte nicht übersehen werden, dass diese Individualität doch schrecklich begrenzt ist. Du kannst dir mit den Fingern in der Nase bohren, du kannst dich mit denselben Fingern an alpinen Steilwänden nach oben ziehen - wie du deinen Körper einsetzt, das ist deine individuelle Wahl. Du kannst jedoch keine Flügel ausbreiten und über die Landschaft gleiten, so wie der Falke keine Finger hat, um sich in seinem Riechorgan zu bohren. Diese Eingrenzung auf artentypische Möglichkeiten finden wir im Körper und im Geist. Doch was genau ist dieser Mensch eigentlich ist - die Spezies des Homo sapiens - was ist also der Rahmen, in dem auch du dich frei bewegen kannst?



Kampf ums Überleben

Die allertiefste Grundlage der menschlichen Natur gleicht der Natur eines jeden Lebewesens: Sie ist auf das Überleben ausgereichtet. Das meint einerseits das Überleben des Individuums, mindestens bis zur erfolgreichen Vermehrung, und es meint das Überleben der Art auf lange Sicht. Unsere rudimentären Triebe und Instinkte sollen das Weiterleben garantieren, wobei sie heutzutage oftmals überflüssig sind und nur noch für Maniuplation und Werbung einen Mehrwert haben. Psyche und Physis sind nur allzu vollgestopft mit Mechanismen, die das Leben sogar dann erhalten, wenn es keine Freude macht. Und hier schließt sich der Kreis vom Individuum zur Art, denn ein freudloses Leben macht individuell zwar wenig Sinn, doch dem Erhalt der Art dient es allemal.

Die "Gier nach Leben" geht so weit, dass sich Hexen und Heiler, Mystiker und Hohepriester schon seit Menschengedenken aufmachen, um nach dem Brunnen, der Jungfrau oder der Zahlenreihe der Unsterblichkeit zu suchen. Zum Glück erfolglos, möchte man nachlegen, denn wer nach der Unsterblichkeit im Individuum sucht, hat etwas ganz grundsätzlich missverstanden. Nehmen wir als Analogie das Geld: Wir wissen, dass es nicht glücklich macht, auch wenn es in unendlicher Zahl vorhanden wäre. Doch je weniger Geld vorhanden ist, desto höher ist der Wert jeder einzelnen Münze. Sehr ähnlich verhält es sich mit der Lebenszeit: Sie endet mit der Sterblichkeit, nur deshalb ist sie wertvoll. Jede Stunde und jede Sekunde - denn einmal gelebt kommt sie nie mehr zurück.

Bild

Wahrnehmung

Der Unterschied von Wahrnehmung und Bewertung ist sehr einfach skizzierbar - und er ist wichtig, denn in unserer Gesellschaft wird die Bewertung deutlich über- und die Wahrnehmung unterbetont. Nehmen wir einen zufälligen Sonnenstrahl und zwei Personen, die mit diesem in Kontakt kommen. Person #1 ist braungebrannt und hat sich eben eingecremt, der Input "Sonnenstrahl" wird im Verarbeitungsweg mit den Attributen "Macht meine Haut schön!" und "Yeah, Urlaubsfeeling!" verbunden. Wahrnehmung und Reaktion sind positiv. Werfen wir den Sonnenstrahl nun auf Person #2, die leider an starker Lichtallergie leidet, wird derselbe Input - derselbe Sonnenstrahl - zu einer völlig anderen Wahrnehmung und Bewertung führen. Wahrnehmung ist also individuell, die Bewertung folgt ihr auf den Fuß.

Lösen wir uns nun vom Sonnenstrahl und wenden uns einem beliebigen Input zu. Nun wird dieser vorerst neutrale Input in eine für ihn völlig unbekannte Welt hinüber transformiert: In das Nervensystem des wahrnehmenden Menschen mit all seinen individuellen Prägungen und Vorurteilen. Unser Wahrnehmungs-Apparat setzt diesen Input also in Beziehung zum schon vorhandenen geistigen Material, wo er eingefärbt, angepasst und umgeschrieben wird. Schließlich soll er sich möglichst problemlos einfügen. Evolutionär sehr sinnvoll, wird diese Unklarheit in unserer auf Rationalität fokussierten Gesellschaft zum Problem. Doch zum Glück liegt die Lösung ebenfalls in unserem Gehirn: Das stetig kritische Hinterfragen der eigenen Ansichten, Rückschlüsse und Urteile. Denn sind sie nicht gänzlich falsch, so sind sie zumindest individuell.

Bild

Sippentier

Wir unterscheiden hier die Herde als anonymen Verbund unzähliger Einzelwesen, die Familie als den engsten Kreis der Blutsverwandtschaft und die Sippe als überschaubare Gruppe mittlerer Größe, in der zwar nicht alle verwandt sind, aber alle miteinander bekannt. Streng genommen ist zwar auch die Sippe einer Verwandtschaft untergeordnet, heutzutage darf dieser Begriff aber gerne im übertragenen Sinne verwendet werden. Jeder Fremde gehört auch einer fremden Sippe an und ist daher eine potentielle Bedrohung für das eigene Wasserloch. Erkennbar ist das Mitgleid einer fremden Sippe an seiner fremden Sprache, Kultur und den rein physischen Unterschieden. Das klingt rassistisch - und das ist es auch. Zähneknirschend kommen wir leider nicht darum herum, dass der Rassismus seine Wurzeln in einer Melange aus Prägung, Wahrnehmung und Überlebenstrieb hat - also in den rudimentären, animalischen Anteilen in uns. Rassismus zu überwinden gelingt also dem, der sich auf seine menschlichen Eigenschaften beruft: Reflexionsvermögen und die Fähigkeit an sich zu arbeiten. Affig ist somit nur der Rassist, der sich - ironischerweise - gerne als Übermensch bezeichnet.

Wir fühlen uns dort am wohlsten, wo das Umfeld unserer Natur entspricht. Auf die Sippe gemünzt ist das z.B. der Freundes- und Bekanntenkreis, die Tanzgruppe, der Stammtisch und so weiter. Unwohl fühlen wir uns nur in dauerhafter Einsamkeit, sowie unter den Massen an Fremden, die sich am Morgen in die U-Bahn quetschen. Die Familie ist als Teil der Sippe natürlich im Wohlfühlgefühl mit enthalten - insofern die eigenen Verwandten nicht zu sehr die Buckligen sind. Die Dynamik einer sog. Peer-Group kann durchaus als "Interferenz zwischen Individuen" bezeichnet werden: Die Mitglieder einer sozial stabilen Gruppe zeigen ein angepasstes und vorhersehbares Verhalten. Wie stark unser Verhalten vom Verhalten der uns umgebenden Gruppe abhängt, können wir an unzähligen Beispielen betrachten. Die teils blinde Hörigkeit beim Militär, die Ritualisierung der Spiritualität, das Konformitätsexperiment von Solomon Asch
Psychologe
1907-1996
- um ein paar Beispiele zu nennen. Klingt erschreckend, doch diese Anpassung ist sozial notwendig und nützlich, wenn sie nicht zur Uniformität ausartet.

Bild

Flexibilität

Der Anzug sitzt, die Rolex tickt, das Büro ist das natürliche Habitat? Aber nein - das Kinderbett des modernen Menschen ist und bleibt die Wildnis. Um bestens an die Wildnis angepasst zu sein sind wir höchst instinktiv und grundlegend gesteuert von den Trieben, die dem Überleben dienen. Wir vergessen gerne, dass wir wilde Tiere sind, deren Intuitionen und Reflexe einen weit größeren Einfluss haben, als die Fähigkeit zur Hexadezimalrechnung. Doch es ist kein Wunder, dass wir diesen Fakt gerne übersehen - schließlich besitzt der Mensch weder Fell noch scharfe Krallen, weder Giftdrüsen noch schützendes Gefieder. Wie soll so ein "nackter Affe" - optisch mehr Alien als Säugetier - in der Wildnis überleben? Wie soll er dafür konstruiert sein? Auf den ersten Blick wirkt der Mensch, als hätte die Natur ihn ausgespuckt. Um eine Antwort zu erhalten, müssen wir also einen zweiten Blick riskieren.

Zuerst einmal ein logischer Gedanke: Wir haben die Wildnis nicht nur überlebt, wir haben sie bezwungen. Wie perfekt müssen wir also an diese Wildnis angepasst sein, wenn wir sie sogar unterwerfen können? Unsere besondere Fähigkeit ist dabei mentaler Natur, ein höchst flexibler Geist, der uns eine außerordentliche Fähigkeit zur Anpassung beschert. Dazu kommt noch ein ebenso flexibler Magen, der uns auch unabhängig vom regionalen Nahrungsangebot macht. Wir können uns anpassen, haben eine Konstruktions-Phantasie und sind unseren Instinkten nicht mehr hilflos ausgeliefert. Wir können reflektieren, uns einlassen, umdenken und von den alten Pfaden zu neuen Ufern aufbrechen. Unsere Urkraft ist das Mentale. Und dessen ausschlaggebende Besonderheit ist eine auf diesem Planeten einzigartige Dimension der geistigen Flexibilität. Das Gegenteil davon finden Sie übrigens an den radikalen Rändern unserer Gesellschaft, wo die geistige Flexibilität dem starren Dogmatismus der Ideologien weicht. Ein Fun-Fact am Rande: Dass radikales Denken dümmer macht ist wissenschaftlich erwiesen.

Bild

Welt im Hirn

Die Amöbe futtert gern Bakterien, die schmecken ihr am besten. Um ein Bakterium zu verschlingen, muss es aber wahrgenommen werden. Obwohl wir hier weit von der bewussten Wahrnehmung entfernt sind, würde die Amöbe ohne ihre Fähigkeit zur Wahrnehmung schlicht verhungern. Wo beim Einzeller die Wahrnehmung über den direkten Reizkontakt funktioniert, haben höhere Lebewesen ein ausgeklügeltes System an Sinnen entwickelt. Der Hai kann z.B. elektromagnetische Felder wahrnehmen, Rotkehlchen nehmen das Erdmagnetfelder wahr, Kinder nehmen wahr, wenn sie den Eltern ganz besonders in den Nerven bohren können. Die Sinnesorgane leiten dann den jewiligen Reiz ins Gehirn, wo er in eine verständliche Form umgewandelt wird. Das funktioniert ganz ähnlich wie ein elektromagnetisches Signal, das vom Fernseher zu einer Bildfolge zusammengesetzt wird, die uns dann das Bild und die Bewegung suggeriert. Wahrnehmung ist also keineswegs das, was da draußen passiert, sie ist nicht mehr und nicht weniger als das innere Feedback, das die äußere Welt erzeugt. Und dieses Feedback ist mit dem äußeren Reiz keineswegs identisch.

Ein wichtiger Aspekt der Wahrnehmung ist die Verarbeitung. Auch wenn wir das Schauspiel unseres Bewusstseins nur zu gerne als "die Realität" anerkennen wollen, ist und bleibt es doch nur eine stark verfremdete innere Realität. Ein Anschauliches Beispiel ist das Sehen. Letztlich fällt hier ein Photon auf eine Zelle, das Sehen ist im Kern also erstmal eine Berührung. Es ist unser Geist, der daraus ein Bild entstehen lässt - Farben, Formen, räumliche Tiefe und so weiter. Evolutionär sinnvoll und im Lebensalltag äußerst praktisch, ist dieses Bild - das Sehen - von der Wirklichkeit der Welt doch weit entfernt. Und da hat sich die Natur die verschiedensten Lösungen ausgedacht, von der das menschliche Sinnessystem nur eine unter vielen ist. Noch viel weiter geht der Weg unterschiedlicher Wahrnehmung, wenn wir das Individuum betrachten. Doch dazu mehr an anderer Stelle.

Bild

Interaktion

Der Mensch ist ein duales Wesen. Er hat zwei Hirnhälften und zwei Herzkammern, zwei Arme, zwei Beine und denkt zumeist in Schwarz und Weiß. Dass diese in uns wohnende Einfachheit nicht der Komplexität der Welt entspricht, sieht man täglich - wir tun uns elend schwer damit und stolpern über vielfache Ambivalenzen, die wir gerne auf das Einfache herunter brechen. Dual ist auch die Richtung unseres Seins, der Wahnrehmung und der Interaktion. Der eine Weg führt nach innen, der Umgang mit sich selbst und das Erleben von Geist und Körper. Hier nun ein paar Worte in die andere Richtung: Nach außen, also die Interaktion mit der Welt.

Die Interaktion ist eine Handlung, die auf der Wahrnehmung basiert. Man nimmt sich gegenseitig wahr und richtet das jeweilige Handeln darauf aus. Das Spektrum ist dabei sehr weit, Interaktion kann z.B. frei oder unfrei sein, ablehnend oder zugewandt, erfolgreich oder missverständlich. In der Tier- und Pflanzenwelt sind die Regeln durch die Natur vorgegeben, durch Instinkte, Prägungen, Reflexe und Notwendigkeiten. Die Interaktion ist programmatisch vorgegeben, der individuelle Spielraum dementsprechend gering. Der Mensch hingegen macht sich neben solch programmatischen Vorgaben auch seine eigenen Regeln - er nennt es Gesetz, Moral, Kultur... und meistens geht das halbwegs gut.

Bild

Kommunikation

Heutzutage kommen einem sofort das Internet, WhatsApp und Konsorten der digitalen Kommunikation in den Sinn. Die Kommunikation führt aber weit darüber hinaus. Eine Unterhaltung am Küchentisch, das Herbeiwinken eines Taxis, der Briefverkehr mit dem Finanzamt oder einem alten Freund... all dies sind Wege der Kommunikation. Selbst Pflanzen kommunizieren miteinander, z.B. warnen sich Bäume vor Gefahren wie Feuer und Schädlinge, indem sie via Pilze, die wie eine Art Glasfasernetz den ganzen Boden durchziehen, Informationen in Form von Botenstoffen durch den Boden schicken. Die Forschung ist hier zwar noch jung, ihre Ergenisse sind jedoch eindeutig - die gerne als reine Esoterik verbräte Gaia-Hypothese mag weit über die Wirklichkeit hinaus schießen, vollständig von der Hand zu weisen ist sie nicht. Verkürzt gesagt: Wenn Leben auf Leben trifft dann entsteht Kommunikation.

Ein Grundprinzip der Kommunikation ist das Sender-Empfänger-Prinzip. Es besagt, dass der Sender der Information und ihr Empfänger sich im Code der Übertragung einig sein müssen. Dieselbe Sprache wäre so ein Code. Ebenso müssen wir uns im Rahmen einig sein, in dem dieser Code verpackt ist: Um einen Schrifttext zu verstehen sollten Sie neben der Sprache auch des Lesens mächtig sein. Zudem sollten die "Kontaktstellen" zusammen passen - so nützt es nichts, wenn ich versuche einen Brief dadurch zu verstehen, dass ich an der Tinte rieche. Große Anteile der Kommunikation passieren übrigens auf der unbewussten Ebene: Ein dezentes Lächeln, der Blick, die Körperhaltung usw. werden oftmals unbewusst angewandt und ebenso unbewusst ausgelesen. Genau diese subtilen Informationswege fehlen z.B. im digitalen Chat, mehr schlecht als recht - weil stereotyp - von Smileys und Katzenbildchen aufgefangen.

Bild

Evolution

Die Evolution plant nicht, sie passiert. Sie ist wie ein tapsiges Kind, das einfach mal drauf los gekrabbelt ist und nun auf ihre eigene Entwicklung reagiert. Funktioniert ein Fehltritt nicht, dann bleibt er auf der Strecke. Funktioniert ein Fehler gut, dann wird er zur Tugend erklärt und auf ihm aufgebaut. Ein wunderschönes Beispiel für Evolution ist eine flugunfähige Fliegenart auf den Galapagos-Inseln, die an jedem anderen Ort der Erde schnell ausgestorben wäre. Doch herrscht auf Galapagos ein so stetiger Wind, dass die fliegende Fliege aufs Meer hinaus und damit in den Tod hinein geweht wurde. Überlebt hat die flügellose Fliege, deren Fehler unter den speziellen Bedingungen ihrer Umwelt zur Tugend wurde.

Der Mensch hält sich zwischen all den Fliegen und Blumen für die Krone der Schöpfung, für das Ende einer langen Kette - und ihm quillt dabei die Arroganz aus allen Poren. Doch die Evolution hat kein Ziel, das sie erreichen und wie ein Monument ihres Schaffens auf die Erde pflanzen will. Nein, die Evolution macht einfach weiter. Ihr ist es egal, ob es der Mensch ist, der in fünf Millionen Jahren noch auf sein Smartphone glotzt, oder ob die flügellose Galapagos-Fliege irgendwann die Weltherrschaft übernimmt. Und dieses Grundprinzip des Lebens ist die Vielfalt. Ob wir Menschen in dieser Vielfalt als Tugend oder Fehltritt gelten, das ist eine Frage, die nur die ferne Zukunft zu beantworten weiß.

Bild